Home   |   Projekte   |   Schulfenster   |  Ganztagsschule zum Dessert


 Schulfenster NRW

Mit dem Blick durch das „Schulfenster NRW“ vermittelt die Stiftung Partner für Schule NRW den Besucherinnen und Besuchern ihrer Internet-Seite Eindrücke vom Schulalltag an nordrhein-westfälischen Schulen. Durch die regelmäßigen Schulportraits sollen insbesondere innovative Konzepte im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung, des Übergangs von der Schule in den Beruf, zum Ganztagsbetrieb sowie zur individuellen Förderung vorgestellt werden. Das aktuelle Schulfenster zeigt die Entwicklung des Heinrich-von-Kleist-Gymnasiums in Bochum zur gebundenen Ganztagsschule.

Logo: Schulfenster NRW

Schulfenster 7:

Ganztagsschule zum Dessert

Während die Welt enger zusammenrückt, steigen die Anforderungen an die Schüler beträchtlich. Wurden Gymnasiasten früher in neun Jahren zum Abitur geführt, so heute in nur acht. Vor diesem Hintergrund macht sich das Heinrich-von-Kleist-Gymnasium in Bochum zusammen mit 216 Realschulen und Gymnasien auf den Weg zur Ganztagsschule. Die Stiftung Partner für Schule NRW wird insgesamt dreimal über die Entwicklung des Gymnasiums zur gebundenen Ganztagsschule berichten; vor allem auch deshalb; weil dadurch mehr Zeit für Berufsorientierung bleibt.

Savides Miletti, der Wirt von Nicos Grill, wartet schon auf sie – die Oberstufenschüler des Heinrich-von-Kleist-Gymnasiums (HvK) in Bochum-Gerthe. Der Imbiss liegt nur wenige Schritte vom Gymnasium entfernt. Die meisten Jugendlichen bestellen den mächtigen „Taxi-Teller“ mit Gyros und Curry-Wurst für 4,50 Euro. „Dadurch haben wir mehr Arbeit und das ist gut für uns“, sagt der 25-jährige Wirt. Der tägliche Ansturm in der Mittagspause belebt das Geschäft enorm.

Ab August 2009 wird das Gymnasium aber eine eigene Mensa haben, in der täglich mehrere Hundert Mittagessen über die Theke gehen.

Das HvK wird sich die Mensa mit der benachbarten Anne-Frank-Realschule teilen, die zum gleichen Zeitpunkt auch zur gebundenen Ganztagsschule wird. Auf der diesjährigen Didacta in Hannover haben viele Essenslieferanten Eckhard Buda, stellvertretender Schulleiter des HvK, mit gesunder Kost umworben. Der Renner auf der Bildungsmesse waren asiatische Wraps mit exotischem Gemüse. Die Globalisierung hat auch das Schulessen erreicht.

In der Ganztagsschule zum Turboabitur

Deutsche Schulabgänger sind im Durchschnitt ein bis zwei Jahre älter als Absolventen im Ausland. Im globalen Wettbewerb um hoch qualifizierte Arbeitskräfte will Deutschland wieder aufholen. Vor diesem Hintergrund hat das Land NRW die Schulzeit von neun auf acht Jahre bis zum Abitur verkürzt (G8). Angesichts der verkürzten Schulzeit stellt das Land 100 Millionen Euro für die Modernisierung von Schulmensen und Aufenthaltsräumen zur Verfügung. Weitere 75 Millionen Euro gibt das Land für Lehrpersonal aus. Mit diesen Mitteln sollen insgesamt 216 neue Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen entstehen.

Bevor jedoch die Mensa des HvK in Betrieb gehen kann, braucht das Gymnasium Klarheit darüber, wie es überhaupt den Ganztag gestalten will. Was liegt da näher als zu beobachten, wie andere Ganztagsschulen es machen? Die Schulleitung hat eine Delegation des HvK nach Wuppertal geschickt, um dort am Ganztagsgymnasium Johannes Rau zu hospitieren. Mitgereist waren jeweils drei Befürworter und drei Gegner der Ganztagsschule, damit später in der Schulkonferenz unvoreingenommen diskutiert werden konnte.

Die Gäste aus Bochum setzten sich mit Konzept, Planung, Organisation und Arbeitsbelastung der Lehrkräfte in Wuppertal auseinander. Anschließend unterrichtete die Delegation die Schulkonferenz über ihre Beobachtungen.

Ganz unerfahren ist das Heinrich-von-Kleist-Gymnasium in Sachen Ganztag allerdings nicht. Schon seit mehreren Jahren werden Schülerinnen und Schüler der fünften bis siebten Jahrgangsstufe im Anschluss an den Unterricht mehrere Tage in der Woche betreut. Mit den Mitteln der Programme „13 Plus“ und „Geld oder Stelle“ beschäftigt das Gymnasium seit Jahren Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen, die mit unterschiedlichen Schülergruppen arbeiten. Im Vergleich zu dem, was sich das Gymnasium jetzt vorgenommen hat, war das noch Ganztagsschule „light“.

Aufbruch mit der Steuergruppe

In der Arbeitsgruppe „Schulentwicklungsplanung“ laufen die Fäden der zukünftigen Ganztagsschule zusammen. Der Planungsgruppe gehören sieben Lehrerinnen und Lehrer, fünf Eltern- und zwei Schülervertreter an. Das Gremium bereitet das Ganztagsschulkonzept vor und informiert alle Beteiligten über die Entwicklungen. In einem Brainstorming haben die Mitglieder der Gruppe Ideen gesammelt und geordnet. Im ersten Konzeptentwurf beschreibt das Heinrich-von-Kleist-Gymnasium die pädagogische Gesamtrichtung, Hausaufgabenbetreuung und Förderangebote, besondere pädagogische Schwerpunkte, die Mitwirkung von Eltern und Schülern sowie die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern. „Zunächst entwickeln wir gemeinsame Visionen, um dann konkrete Handlungsschritte zu planen und umzusetzen“, sagt Schulleiter Oliver Bauer zum derzeitigen Stand der Ganztagskonzeptentwicklung. Sein Plan ist es, möglichst früh alle im Schulleben Beteiligten einzubinden.

Mehr Zeit in der Schule verbringen zu müssen, lässt niemanden gleichgültig. Das wurde auch in Stellungnahmen zum Ganztagskonzept in der Schulkonferenz deutlich. Einige Gymnasiasten bemängelten beispielsweise, dass sie zuwenig Freizeit mit ihren Freunden verbringen könnten. Andere Schüler sahen vor allem die Möglichkeit, mehr Entspannung und mehr stressfreie Lernzeit durch den Ganztag zu gewinnen. „Unsere Schüler setzen sich informiert, aber auch kritisch mit Ganztagsschule auseinander“, bemerkt Bauer. Einige Lehrkräfte befürchteten zu viele Springstunden. Diese Ängste konnten ihnen jedoch mit Blick auf die Erfahrungen bereits bestehender Ganztagsgymnasien genommen werden. Befürworter führten hirnphysiologische Gründe für den Besuch der Ganztagsschule an: „Vom Tagesablauf her betrachtet, fangen wir zu früh zu lernen an und hören zu früh auf“, so die Schulleitung. Im Ganztag, der den Wechsel von Spannung und Entspannung vorsieht, könnten die unterschiedlichen Lernphasen der Kinder viel besser genutzt werden. Eine verlässliche Betreuung am Nachmittag, mehr individuelle Förderung und G 8 waren für Eltern ausschlaggebende Gründe sich zur Ganztagsschule zu bekennen. „Wir haben sehr offene Diskussionen über die Ganztagsschule geführt“, meint Schulleiter Bauer.

Trotz der offenen, teils kontroversen Diskussion ergeht in der Schulkonferenz vom 26. November 2008 ein einstimmiger Beschluss zugunsten der gebundenen Ganztagsschule. Gebunden bedeutet, dass der Besuch der Ganztagsschule an drei Tagen in der Woche von 8 bis 15 Uhr verpflichtend ist. Das HvK wird darüber hinaus freiwillige Ganztagsangebote von 15 bis 16 Uhr unterbreiten, zum Beispiel Förderkurse, AGs, Sport- und Kulturveranstaltungen.


Das Gymnasium will darüber hinaus Akzente bei der Studien- und Berufsorientierung setzen. Schon Fünftklässler sollen in speziellen Kursen spielerisch an die Technik herangeführt werden. Das HvK will sich verstärkt mit dem benachbarten Innovationszentrum Schule- Technik austauschen. „Parallel mit der Einführung des Ganztags ziehen wir die Berufsorientierung zeitlich vor“, erläutert der Schulleiter. Nicht selten beginnt die Einführung in die Arbeits- und Berufswelt an anderen Gymnasien erst in der neunten Jahrgangsstufe. Auch das Tutorenprogramm „Schüler helfen Schülern“, bei dem ältere die jüngeren Schülerinnen und Schüler bei der Hausaufgabenbetreuung unterstützen, wird „ausgebaut“. Technik interessierte Gymnasiasten werden zudem in Grundschulen gehen: Unter dem Motto „Technik ist cool“ leiten sie Technikkurse für Viertklässler.

„Ausbauen“ ist das Stichwort, was den Ganztag und die Berufsorientierung betrifft. Dadurch, dass mit der Ganztagsschule auf einmal mehr Zeit und mehr Mitarbeiter in den Betrieb einkehren, können Gymnasium und Wirtschaftsbetriebe enger zusammenrücken – und gemeinsam Projekte anstoßen. So soll der Konzern Remondis als Kooperationspartner den Unterricht des HvK illustrieren, das Lernen mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit verknüpfen. Mitarbeiter von Remondis werden beispielsweise in den Fachbereichen Sozialwissenschaften, Politik, Biologie und Chemie Aspekte der Mülltrennung und -beseitigung aufgreifen. Zu diesem Zweck haben die Gymnasiallehrer mit Remondis-Kollegen einen Jahresplan, ein Spiralcurriculum, ausgetüftelt. Die Öffnung der Schule nach außen wird im Zuge der Kooperation mit der Wirtschaft zusehends Gestalt annehmen.

Am 27. November 2008 informierte die Schulleitung die Stadt Bochum über den Beschluss der Schulkonferenz. Mit dem Beschluss hat das Gymnasium der Stadt den Ball zugespielt. Deren Aufgabe ist es nun, Architekten zu finden, Baugespräche mit dem Gymnasium zu führen und Unternehmen damit zu beauftragen, Räume und Mensa für den Ganztagsbetrieb umzugestalten.

„Hauch von Autonomie“

Der neue Spielraum setzt ungewohnte Kräfte frei. „Wir spüren einen Hauch von Autonomie durch eine stärkere Eigenverantwortlichkeit von Schule“, so Schulleiter Bauer, und weiter: „Es ist daher wichtig, dass unser Ganztagskonzept von Lehrern-, Eltern-, und Schüler gemeinsam entwickelt und getragen wird.“ In den kommenden Wochen werden viele Punkte des Konzeptentwurfs erneut aufgegriffen und in den schulischen Gremien zusehends detailliert besprochen: Überlegt wird etwa, ob die Hausaufgabengruppen zusätzlich von geschulten Oberstufenschülern betreut werden können und ob der bisherige 45-Minuten-Takt des regulären Fachunterrichts verändert werden soll. In der Steuergruppe wird derzeit über unterschiedliche Modelle der Rhythmisierung diskutiert. Ferner soll überlegt werden, inwieweit außerschulische Lernorte noch mehr als bisher in den Unterricht integriert werden sollen oder in welchen Gruppengrößen Förderunterricht und Hausaufgabenbetreuung erteilt werden kann.

Zur Auflockerung des Unterrichts soll es deutlich mehr AGs geben. Dabei werden bestehende Kooperationen mit außerschulischen Partnern vertieft, beispielsweise mit dem Kooperationsnetzwerk Schule/Wirtschaft oder der Stadtbibliothek Gerthe. Die Arbeit am Ganztagskonzept wird Auswirkungen auf alle Bereiche des Gymnasiums haben. „Noch nie habe ich mich so intensiv mit Schulentwicklung befasst wie jetzt“, blickt Stefan Blome, 52-jähriger Lehrer für Deutsch und Geschichte, auf seine bisherige Laufbahn zurück.


Konkurrenz im Stadtteil

Nicht nur Essenslieferanten kämpfen um die Aufmerksamkeit des Gymnasiums. Das Gymnasium selbst steht Stefan Blome zufolge im Wettbewerb mit anderen Gymnasien. Denn die Schülerzahlen sinken überall. Zwar kann man das HvK schon jetzt nicht mit anderen Gymnasien in der Stadt verwechseln - es ist bisher das einzige Gymnasium Bochums, das sich auf den Weg in den Ganztag gemacht hat. Aber das HvK könnte in der Öffentlichkeit noch gegenwärtiger sein.

Derzeit feilt die Schulleitung an einer Kommunikationsstrategie, die Veröffentlichungen in unterschiedlichen Medien vorsieht. Das Gymnasium will beispielsweise einen Flyer zum Ganztag herausgeben. Außerdem wird das Schulblatt „HvK-News“ zum Sprachrohr für neue Entwicklungen. Und auch die Redakteure der Lokalzeitungen werden mit Nachrichten zum Ganztag versorgt. Die Schulhomepage wird zur Kommunikationsplattform der werdenden Ganztagsschule. Per E-Mail werden Eltern und Ehemalige persönlich angesprochen, noch intensiver in der Ganztagsschule mitzuarbeiten. Beim Straßenfest in Bochum-Gerthe wollen die Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Schüler direkt mit den Menschen im Stadtteil ins Gespräch kommen und ihr Ganztagskonzept präsentieren.

„Ich kann die Entwicklung zur Ganztagsschule nur begrüßen“, meint der 19-jährige Sebastian Hetheier, Schüler des HvK und Chefredakteur der preisgekrönten Schülerzeitung „The melting pot“. Vom gesunden Mittagessen in der Schule kann er allerdings nur träumen, da er bereits vor dem Start der Ganztagsschule sein Abitur macht. Vielleicht gibt es aber für ihn gutes Essen in der Kantine der überregionalen Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, wenn er dort nach dem Ende der Schulzeit als Volontär anheuert. Hetheier sieht im Ganztag jedenfalls eine große Chance für die nachwachsende Schülergeneration des Heinrich-von-Kleist-Gymnasiums, die weit über eine gesunde Mittagsverpflegung hinausgeht.


Erste Schritte auf dem Weg zur Ganztagsschule:

  • Alle an der Ganztagsschulentwicklung Beteiligte so früh wie möglich informieren und einbinden: Eltern, Schüler, Lehrer, Schulträger.

  • Verantwortliche für die Organisation des Ganztags benennen

  • Eine Steuergruppe einführen, die die Entwicklung zur Ganztagsschule koordiniert

  • In einer guten Ganztagsschule hospitieren

  • Frühzeitig das Ganztagskonzept formulieren und den schulischen Gremien zur Diskussion stellen

  • Das Mittagessen so organisieren, dass beispielsweise das Essen im Klassenverband, möglich ist

  • Räume im Hinblick auf den Ganztag neu gestalten

  • Lehrerinnen und Lehrern Arbeitsplätze in der Schule einrichten

  • Jugendeinrichtungen, Sportvereine und kulturelle Institutionen aus dem Umfeld des Gymnasiums mit heranziehen

Quelle: ABC der Ganztagsschule, Handbuch für Ein- und Umsteiger, Wochenschauverlag, 2005.
 

Ansprechpartner Stiftung Partner für Schule NRW: Hermann Meuser


Weitere Informationen zum Projekt

Bisher erschienen: