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 Schulfenster NRW

Mit dem Blick durch das „Schulfenster NRW“ vermittelt die Stiftung Partner für Schule NRW den Besucherinnen und Besuchern ihrer Internet-Seite Eindrücke vom Schulalltag an nordrhein-westfälischen Schulen. Durch die regelmäßigen Schulportraits sollen insbesondere innovative Konzepte im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung, des Übergangs von der Schule in den Beruf, zum Ganztagsbetrieb sowie zur individuellen Förderung vorgestellt werden. Das aktuelle Schulfenster stellt das Konzept "Frauen und Technik" am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Duisburg vor.

Logo: Schulfenster NRW

Schulfenster 10:

Nicht selbstverständlich: Frauen und Technik



Nina Lauterbach und ihr Berufswunsch sind auch nach mehr als 40 Jahren aktiver Frauenbewegung ebenso untypisch, wie gefragt: Die Schülerin möchte Ingenieurin werden.

Nina Lauterbach unterscheidet etwas von den meisten ihrer Freundinnen:
Die dunkelhaarige 19-Jährige Abiturientin möchte Industriemechatronikerin werden. Auch heute noch ist dieser Berufswunsch für eine Frau untypisch.

Das Bild der technischen Berufe ist noch immer von Männern geprägt. Nur 12 Prozent Frauen seien als Ingenieurinnen in Deutschland beschäftigt, hat der Verein Deutscher Ingenieure herausgefunden.

Martin Goerlich will das ändern. Er unterrichtet an Lauterbachs Schule, dem Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Duisburg, Physik und Sport.

Der Pädagoge engagiert sich dafür, Mädchen für Technik und Naturwissenschaften zu begeistern. Frauen hätten, sagt Goerlich, einen anderen Zugang zum Thema Technik „Mädchen stellen häufig Fragen mit Bezug zu anderen Dingen.“ Das sei wichtig, um neue Ideen zu entwickeln.

Im Rahmen des Projekts Mädchen wählen Technik der Stiftung Partner für Schule NRW hat Goerlich mit einer Gruppe Schülerinnen, zu der auch Lauterbach gehörte, zwei Meter große Stahlfiguren angefertigt. Entwurf, technische Zeichnung, selbstständig Drahtmodelle bearbeiten und löten – für die meisten Schülerinnen war es das erste Mal, dass sie handwerklich arbeiteten. Gerade die im Projekt angelegte Verknüpfung von Technik mit der Lebenswelt der Schülerinnen, hier war es der Kunstunterricht, sollte den Mädchen den Zugang zu dem fremden Thema erleichtern.

Lauterbach hatte Freude am handwerklichen und technischen Arbeiten. Mit ihren Leistungskursen Mathe und Kunst traf das Projekt aber auch direkt ihre Interessen. Die Stahlfiguren der Schülergruppe schmücken nun die Fassade des Gymnasiums.

Wichtig findet der Lehrer Goerlich die frühe Förderung von Schülerinnen im Technikbereich. Er hat die Erfahrung gemacht, dass beim Übergang zwischen Grundschule und weiterführender Schule die Unterscheidung zwischen Mädchen und Jungen noch keine große Rolle spielt.

Aber je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto stärker sei zu spüren, dass die Mädchen einer klassischen Rolle als Frau entsprechen wollten. In der Oberstufe sei das etwa bei der Wahl der Leistungsfächer zu spüren. Während Mädchen Fächer wie Deutsch oder Sozialwissenschaften favorisierten, seien sie im Leistungskurs Physik selten zu finden. Gerade einmal eine Schülerin von 26 Jugendlichen hat Goerlichs Physikleistungskurs gewählt.

Das Modell der klassischen Familie und der damit verbundenen Rollenverteilung ist noch immer in den Köpfen vieler Kinder und Jugendlicher fest verankert.
In der im Jahre 2006 erschienen Studie „Sternstunden. Die Zukunftserwartung von Schuljugend heute“ haben die Soziologinnen Frigga Haug und Ulrike Gschwandter 500 Aufsätze von Jugendlichen zwischen acht und 19 Jahren zu dem Thema „Ein Tag in meinem Leben in 20 Jahren“ analysiert. Die Wissenschaftlerinnen sind zu einem überraschenden Ergebnis gekommen:

Laut Studie sehen Schülerinnen und Schüler ihr imaginäres Ich meist in einer klassischen Familie eingebettet. Angesichts der hohen Scheidungsrate, von der viele Kinder selbst betroffen sind, auf den ersten Blick ungewöhnlich. Viele junge Menschen empfänden gerade das Fehlen der Rahmenbedingungen der intakten Familie nicht als gescheitertes Modell in einer sich verändernden Welt, sondern als Zufluchtsort für eine bedrohlich instabile Umwelt, schreiben Haug und Gschwandter.

Während Jungen von Berufen wie Erfinder und Manager träumen, sind die Berufe der jungen Frauen eher traditionell: In den Aufsätzen der Mädchen wurden als Berufswunsch unter anderem Verkäuferinnen, Designerinnen, Friseurinnen genannt. „Keine einzige ergreift in ihrer Vision einen technischen Beruf“, erklären die Autorinnen.

An den Aufsätzen könne man erkennen, dass es gerade den Schülerinnen schwer falle, sich eine Balance zwischen der eigenen Karriere und ihrem Kinder- und Familienwunsch vorzustellen. Wo Jungen größtenteils die berufliche Karriere thematisieren und Frauen oftmals nur die Rolle als Mutter der fiktiven Kinder ausfüllen, zeichneten große Teile der Aufsätze der Mädchen das Bild der aufopferungsvollen Person zwischen persönlicher Verwirklichung und häuslichen Pflichten.

„Freunde und Familie sind gerade in der Pubertät richtungweisend für das Selbstbild vieler Mädchen“, beobachtet auch Physiklehrer Goerlich. „Deshalb entschließen sich die meisten Schülerinnen nach dem Abschluss oft für die Laufbahn sogenannter ‚Frauenberufe’, und wenn es etwas Technisches ist, wählen sie zum Beispiel die technisch-pharmazeutische Assistentin.“ Schade, findet Goerlich, denn „wir brauchen neue Ideen in den Naturwissenschaften und in der Technik und dabei könnten Frauen und ihre Perspektive auf die Dinge eine wichtige Rolle spielen.“

Dazu wird Lauterbach beitragen. Die Abiturientin war schon immer an Mathematik und Physik interessiert. Außerdem habe sie “als Ingenieurin die besten beruflichen Möglichkeiten.“ Alle ihre Freundinnen, sagt die Schülerin, möchten nach der Schule beruflich in eine andere Richtung gehen. Einen Beruf will aber jede von ihnen ausüben.

Lauterbach glaubt, dass sich Familie und Beruf nicht ausschließen, sieht aber die Schwierigkeiten, die dabei auftreten können. „Ich finde es unfair, dass es bei Männern schlecht bei der Bewerbung aussieht, wenn sie keine eigene Familie haben und dass es bei Frauen genau das Gegenteil ist.“

Lauterbachs Umfeld hat sich über ihren Berufswunsch gefreut. Dass sie sich als Frau in einer, bis jetzt noch, Männerdomäne behaupten muss, bereitet ihr kein Kopfzerbrechen. Im Gegenteil: Gerade wegen des Umstands eine von wenigen Frauen im Ingenieursberuf zu sein, erhofft sie sich mehr Chancen als ihre Kollegen. Sie könne eben nicht nur Wissen einbringen, sondern auch eine weibliche Perspektive. Ihre Rolle als Frau sieht sie unproblematisch – am Ende, glaubt sie, wird die fachliche Kompetenz im Beruf wichtiger sein als die Geschlechterfrage.

Und wie ist ihr Verhältnis zur Frauenbewegung?

„Ich bin dankbar, dass die Frauen seit den 60ern um Emanzipation kämpfen und ich finde, wir müssen daran weiterzuarbeiten.“ Gleichberechtigung ist für Lauterbach jedoch reine Kopfsache: „Es gibt sie schon, man muss sie nur nutzen.“

 

Ansprechpartner Stiftung Partner für Schule NRW: Hermann Meuser


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